Autor: moritzgabriel

  • wer wagt – gewinnt

    es ist sonntagmorgen und ich liege mit tristan, seiner freundin marie und mitbewohnerin klara auf der saftig grünen wiese des hofgartens. mittlerweile habe ich mich etwas mehr vom vorabend erholt und ein frühstückchen im magen.
    an dieser stelle vielen dank an pia, mitbewohnerin und freundin meiner schwester – rhabarbarkuchen am morgen darf auch mal sein und scheint mir eine angemessene einleitung des heutigen tages!
    ebenso vielen dank für die app-empfehlung park4night, die mir später noch den arsch retten sollte.
    
ich versuche, abschließende worte zu finden und tristan zu motivieren – war das gestern vielleicht doch ein gläschen wein zu viel? quatsch, es ist einfach ein viel zu schöner sonntag um ihn im auto zu verbringen.

    ob wir uns nun eigentlich einen plan zu unserer route gemacht haben? ihr könnt es euch wahrscheinlich denken.
    einfach mal reinstürzen und schauen, wie weit wir kommen, denken wir uns. wir haben ja eine lange fahrt vor uns, auf der man sich darüber noch ausgiebig gedanken machen kann.
    die letzten stunden verbrachten wir eher damit, unsere situation zu romantisieren und gefallen daran zu finden, was wir alles für möglichkeiten haben: „wir könnten die tage ja auch einfach einen marathon laufen oder so“ scherzten wir am vorabend in gesellschaft. aber ne, natürlich haben wir andere pläne mit unserer zeit. für einen marathon ist in unserer midlife crisis noch zeit, wenn wirklich gar nicht wissen, wohin mit uns.
    gerade, sind wir von möglichkeiten nur zu überhäuft und können uns kaum einig werden – eher aber, weil wir fast mit allem zufrieden wären. letztendlich entscheiden wir uns, auf unserer ersten etappe den bodensee anzufahren. auf einer fahrt geprägt von guten unterhaltungen und einer 1a musikauswahl tristans erreichen wir gegen abend einen campingplatz in ludwigshafen – hier erwartet mich also meine erste nacht im auto.
    bis auf die tatsache, dass es etwas frischer ist als erwartet und mir mitten in der nacht ein mader aufs dach springt und mich aus dem schlaf reißt, läuft alles rund. auch tristan hat eine erholsame nacht im zelt und wir entscheiden uns am morgen, direkt weiter in den süden zu fahren und keine weitere zeit, wie anfänglich überlegt, in deutschland zu verbringen.
    wir sehnen uns nach sommerlichen temperaturen und gutem essen – la dolce vita eben.

    nach dem frischmachen am morgen, brechen wir also direkt wieder auf und nehmen uns als nächstes den comer see vor.
    auf der fahrt werden wir uns jedoch schnell einig, dass wir gerne die schweiz skippen würden und ändern unseren plan. dieser heißt jetzt gardasee und wird am gleichen abend noch im norden in linfano erreicht.

    nach einer erneut erflogreichen nacht auf einem campingplatz ist der plan für unsere nächste nacht wildzucampen.
    nach morgendlichen plätschern im eiskalten wasser des sees, erkunde ich noch auf meinen inlinern den ort und genieße die hier frisch geteerten straßen. für heute steht nun nur eine kurze etappe an den südlichen zipfel nach rivoltella an.

    die fahrt entlang der küste des gardasees spielt sich mit klassisch italienischer musik in den ohren wie ein film ab.
    wenn wir früher als familie urlaub gemacht haben, dann hier.
    ich habe mir schon damals gewünscht, diese straßen einmal selbst fahren zu können. nun, hab ich endlich die möglichkeit und genieße es in vollen zügen. die italiener*innen hinter uns zeigen durch wildes gehupe dass sie leider kaum verständnis für meinen ,durch tempo angepassten, fahrstil haben. mich berührt dies jedoch nicht – wie soll ich denn bitte sonst aussicht und straße gleichzeitig im blick haben und dazu auskosten?
    außerdem fahre ich die vorgegebene geschwindigkeit – also alles paletti und niemand in gefahr. es stresst mich trotzdem etwas und nervt.. ich fahre deshalb an einem aussichtspunkt links ran und neige meinen blick zu tristan: „kaffee?“

    wir packen die notwendigen utensilien aus und zaubern uns in wenigen minuten einen espresso, welchen wir mit fluppe und seeblick genießen.
noch einmal kurz die augen vor der sonne schließen und direkt weiter –

    es ist eine affenhitze und wir beide sind uns sicher, dass wir nach unserer ankunft im süden ein weiteres mal das angenehme süßwasser des gardasees genießen wollen. gesagt, getan. 


    gegen 17 uhr brechen wir vom strand wieder auf. wir haben noch genug zeit, um einen passenden platz für unser zelt zu finden. dachten wir zumindest, doch die suche stellt sich als gar nicht mal so leicht dar. wir geistern nun schon seit längerer zeit durch ländliche straßen umgeben von bauernhäusern, ruinen, welche solche mal waren, und weinfeldern.
    ob das wohl ein geeigneter ort ist? wir sind uns nicht sicher. darüber wie traumhaftschön wir es hier finden, umso mehr.
    „hier einen eigenen hof mit familie und tieren“ romantisieren wir.

    nachdem wir die gleichen straßen mehrmals hoch und runter fahren und kurz davor sind, unsere suche aufzugeben, erblicken wir eine erhöhung hinter weinreben. die bieten neben ihrer schönen optik auch noch einen idealen sichtschutz. da der bauer dort scheinbar vor einiger zeit noch langgefahren ist, lässt sich der platz super mit dem auto erreichen.
    jetzt stehen wir hier zwischen heranwachsendem wein, moskitoschwarten, einer alten waschmaschine im gebüsch und einem großen turm, welcher sich später als ein museum namens „torro san martino della battaglia“ herausstellt.
    wir sind größtenteils recht überzeugt von unserem platz. nervenkitzel ist trotzden da, denn ist es ja gar nicht erlaubt was wir hier eigentlich machen und somit bleibt die stimmung nach wie vor etwas angespannt.

    wir hören abends immer wieder, wie die landwirt*innen unterwegs sind. mal schauen, ob unser spot, den wir für so gut befinden, auch wirklich so gut ist und wir hier weiter unentdeckt bleiben.
    wir versuchen, die situation weiterhin zu beobachten und nutzen die Zeit, um unseren gemeinsamen freund ben anzurufen, der sich gerade in rio aufhalten sollte, wie es instagram stories vermuten lassen. mittlerweile ist er jedoch wieder in santiago de chile und liegt etwas verknittert im bett.
 er kam letzte nacht zurück und hat sich bereits dagegen entschieden die heut anstehende vorlesung zu besuchen.
    er studiert gerade auch im ausland, jedoch in südamerika und genießt auch gerne in seiner freizeit, oder auch anstelle von vorlesungen, besuche der schönen nachbarsorte. er hatte bereits eindrückliche erfahrungen in panama und auch costa rica machen können und nun war also die hauptstadt brasiliens an der reihe. er erzählt uns auf spannende weise von seinen erlebnissen dort und den anderen lebensrealitäten, die er dort erfahren durfte. höhepunkt seiner erzählungen ist eine favelaparty, bei der zum takt der musik mit ak47-gewehren in die luft geschossen wird. eine interessante art von egogepushe und machtgehabe denke ich mir.
    tristan und ich sind auf jeden fall erleichtert, dass ben und seine studiefreunde ihre zeit dort genießen konnten und ihnen nichts passiert ist.
    auf einem bolzplatz haben sie sich wohl mit den richtigen jungs eingelassen und sind später mit dem angeblichen neffen des favelabosses unterwegs, der mit seinen kollegen, so sagt ben, deren lebensversicherung darstellt.
    eigentlich ist es für touristen nicht möglich, die favelas zu besuchen, und sie bieten keinen besonders sicheren ort. anders wenn einem höchstpersönlich eine art geleitschutz geboten wird, dann ist das natürlich was anderes.

    nach dem telefonat mit ben meldet sich bei tristan und mir der hunger, worauf wir uns die wahrscheinlich schlechtesten hotdogs, die wir je gegessen haben, machen.
    naja, sie erfüllen immerhin ihren zweck und es muss gerade schnell gehen, weil mit offenem feuer möchten wir hier nun wirklich nicht erwischt werden. es ist wahrscheinlich ein bild für die götter wie wir auf dem boden vor dem gasgrill hocken und veggiewürstchen in sprudelwasser kochen, weil wir uns wie immer mal vergriffen haben.
    nach dem essen wird es langsam dunkel und wir setzen uns für eine stunde mit rotwein und kniffel auf der wiese mit ausblick auf den turm nieder. erstmal durchatmen.


    neben meiner undenkbaren niederlage ist der feierabend ein wirklicher genuss – trotz drei kniffel die ich werfe, soll der gewinner am ende, dennoch tristan heißen.
    ich bin schockiert, gönne ihn aber natürlich trotzdem den sieg, da er anders als ich, bis zum ende wirklich gut gespielt hat.
    wir bleiben weiterhin ungestört, weshalb der abend hier nun zuende gehen sollte. 
wir würden morgen zum sonnenaufgang erwachen um unannehmlichkeiten zu vermeiden und hoffentlich mit einem schönen blick belohnt werden.
    unser nächstes reiseziel lautet bologna, wo wir uns ein oder zwei tage auf den trubel der studentenstadt einlassen wollen.
    ich freue mich schon, mich in dieser zeit etwas mehr mit meiner neuen kamera vertraut zu machen und ein hotelzimmer mit richtigem bett und bad genießen zu können.

  • +1

    meine sachen sind gepackt, der wagen ist beladen – heute soll nun endlich der tag sein an dem mich meine eltern verabschieden dürfen. endlich, denkt sich vor allem meine mutter, der ich nie eine genaue aussage machen konnte, wann ich denn jetzt wirklich wieder abhaue – ich wusste es ja selber nicht.

    aber ja, auch für mich „endlich“.
    die zeit, die ich nicht, in einer anderen zeitzone oder bei olli auf der couch verbrachte, hat mich deutlich in meine vergangenheit zurückgeworfen. zuhause kann es echt schön sein, doch am ehesten, wenn man einen gewissen abstand zum ort und seiner familie hat.

    eine stunde vor meiner abfahrt, kontaktiere ich ein paar freunde, welche weiter im süden deutschlands leben in dem gedanken ihnen einen kleinen besuch abzustatten. mir fällt ein das mein guter freund tristan, den ich schon seit schulzeiten kenne, gerade vielleicht noch in freiburg sein sollte. er hatte dort eine wanderung, nach seinem gerade frisch absolvierten bachelor, geplant.


    ich klingel direkt durch.

    m: „jo mein lieber was geht, ich wollte grad mal checken wo du so steckst. ich bin jeden moment davor in den süden aufzubrechen und dachte, dass du noch irgenwo da unten rumtänzelst und man sich vielleicht noch einmal sehen kann, bevors für mich dann über die grenze geht.“

    t: „was geht! ich steh grad tatsächlich in nürnberg am hauptbahnhof und warte auf meinen zug – ich bin wieder auf dem weg nach köln, weil ich dort auf einen geburtstag eingeladen bin. aber weißt du.. ich hatte die tage eigentlich eh vor mich bei dir zu melden, weil ich ja wusste, dass du jetzt bald los willst und ich dich fragen wollte ob ich dich für ein paar tage begleiten kann.
    ich muss erst wieder in zwei wochen oder so arbeiten und habe so lange nicht wirklich was zu tun.“

    m: „hä, geil! ja, voll gerne! also klar, kannst du gerne machen, würd mich natürlich sehr freuen die erfahrung mit dir zu teilen – hat man ja nicht immer die möglichkeit.“

    t: „ja cool, also ich würd gleich nochmal kurz mit marie schnacken und ihr das stecken, weil ich grad halt auch ne woche weg war und dann jetzt direkt wieder abhauen würde – ich geb dir gleich einfach nochmal bescheid und dann könntest du dich erstmal auf den weg nach bonn oder so machen und dann entspannt sonntagmorgen los, wenn das für dich passt?“

    m: „voll, hätte ich kein problem mit! bin ja gerne in bonn und könnte meine schwester dann auch noch einmal sehen. lass so festhalten und bis gleich!“

    ich lege beflügelt von der spontanen planänderung auf und freue mich nun noch mehr über den beginn meiner reise.
    mit sicherheit auch, weil mir etwas der respekt und die ängste genommen werden, da ich sie jetzt nicht von anfang an alleine bewältige. vielleicht aber auch, weil nun auch so etwas wie eine art „plan“ steht – denn bis hierhin hatte ich noch keine wirkliche ahnung wie meine route aussehen soll und wo es für mich überhaupt als erstes hingehen würde.
    jetzt aber wusste ich es fürs erste: es geht nach bonn wo ich das wochenende verbringe und mit tristan eine weitere route für unsere gemeinsame tour austüfteln kann.

    „ich bin dann mal weg!“

    tristan schemann
  • metamorphose

    wir schreiben den 24. april 2025.
    morgen soll endlich das zweite kapitel meines erasmusjahres beginnen. eigentlich sollte es schon viel früher losgehen, aber es gab einfach zu viele dinge die mich davon abgehalten haben – mich selbst, zähle ich zu einen dieser dinge. 

    aber so ist es doch immer: im besten falle, sollte man einen für sich guten und gesunden umgang mit all seinen gefühlen und vergangenen geschehnissen finden, bevor man sich in neue abenteuer stürzt.
    das habe ich nach anfänglichen fehlversuchen, nun endlich geschafft – ich bin bereit, meine reise zu starten.


    aber warum eigentlich reise? 

    ich habe mich dazu entschieden, nachdem ich mein erstes semester bereits in bari gelebt und studiert habe, das zweite semester etwas anders anzugehen – oder besser gesagt: komplett anders.
    ich habe in meinem ersten semester schon einiges lernen können, vor allem aber über mich selbst.

    umgeben von einer unbekannten sprache, einem anderem lebensstil, dem meer, aber vor allem von mir selbst.
    das alleine sein, war auch eine meiner großen motivationen, das ganze anzugehen, wobei mir damals noch nicht bewusst war, wie schmerzhaft es sich anfühlen kann, wenn man sich mal nicht danach fühlt.

    in dieser zeit ist mir jedoch vor allem bewusst geworden, wie gefährlich komfort für mich ist und dass ich schnell von einem platz gelangweilt sein kann. ich habe gespürt, wie gut es mir und meiner arbeit tut, immer wieder eine neue umgebung zu erleben.
    es ist so inspirierend für mich und treibt mein kreatives denken und arbeiten enorm an. dadurch, dass ich ins ausland gegangen bin, hatte ich auf einmal das gefühl, dass mir die welt offen stand und ich wollte auf einmal alles sehen und erkunden.
    ich schätze mich als einen sehr neugierigen, sowie lebendigen menschen und kann von neuen erlebnissen sowie perspektiven nicht genug kriegen. genau deshalb suche ich schnell nach frischen herausforderungen in meinem leben.
    wenn ich zu lange in einer mir bekannten begebung festsitze, kann es passieren, dass ich diese leider auf eine selbstzerstörerische weise suche. meinem körper und geist tut dies nicht besonders gut und ich lege mir unnötige steine in den weg.

    aus diesem grund habe ich mich dazu entschieden, mit dem auto zurück nach italien zu fahren und meine zweite hälfte dort anders anzugehen. dies ist aber auch nur dank meiner familie möglich, die mich wie immer sehr in meinem handeln unterstützt, auch obwohl sie es öfter mal in frage stellen.

    natürlich bin ich mir meiner privilegien bewusst und überhaupt verdammt dankbar dafür, diese entscheidung so für mich treffen zu können.
    ebenso bin ich mir bewusst, dass ich mir selbst dafür dankbar sein kann, mich auf dieses erlebnis einzulassen und mir das überhaupt zuzutrauen.
    es ist schön zu spüren, wie richtig sich diese entscheidung für mich anfühlt, und ich kaum zweifel an ihr aufbringe.
    natürlich aber spielen ängste auch eine rolle – dennoch bin ich mir schon jetzt sicher, auf irgendeine weise für mein handeln belohnt zu werden.

    es mag vielleicht etwas traurig klingen, aber über das eine semester in bari durfte ich feststellen, dass ich nach wie vor das gleiche mache und das einzige, was anders ist, meine umgebung ist. natürlich ist mein leben dort auch von schönen dingen geprägt gewesen, dennoch nehmen diese über die zeit immer mehr und mehr ab, da es mir schwerfällt, mich immer wieder auf diese einzulassen.
    ich bin nach wie vor geleitet von lastern und lüsten und auf der suche nach schneller befriedigung – so, wie viele es aus der reizüberfluteten welt, in der wir heute leben, kennen sollten.

    ich möchte den alltäglichen dingen wieder mehr raum und zeit schenken und sie nicht mehr als selbstverständlich ansehen.
    ich würde gerne wieder die kleinen dinge genießen, entschleunigen und langeweile ausgesetzt sein. diese auch aushalten ohne mich direkt wieder in eine andere realität stürzen zu wollen – weg von mir und meinen gefühlen. 

    ich wünsche mir, wieder mehr bei mir zu sein. 

    und ja, ich weiß, dass dies auch unter bedingungen, wie ich sie zuvor gelebt habe, möglich ist. das habe ich auch bereits viele male gemacht und mich darin probiert. ich finde nur dass es deutlich beschwerlicher ist und man nicht direkt erkennt, was man eigentlich davon hat.
    anders wird es jetzt sein: nun werde ich, denke ich, schnell dafür belohnt und bekomme aufgezeigt, wofür und warum ich das eigentlich mache.

    ich entscheide mich dazu, mein auto nicht nur zum reisen zu nutzen, sondern es als mein neues zuhause anzusehen.
    mein innerer freigeist findet an dem gedanken, an keinen ort gebunden zu sein, große erfüllung. ich freue mich schon jetzt darauf, dinge wieder aus eigener motivation und kraft anzugehen und nicht nur, weil ich sie machen muss. 

    in mir kommt die frage auf, warum ich eigentlich studiere.
    ich versuche, mir diese frage zu beantworten und glaube, dass ich diese risikofreudigkeit und vor allem das was ich eigentlich möchte, über all die jahre, erst einmal erkennen musste.
    alles kommt, wie es kommen soll, und ich bin sehr dankbar für das, was ich in der zeit meines studiums bereits lernen durfte – vor allem aber für all die tollen menschen, die ich lieben gelernt habe.
    buci an euch !